Leiharbeit im Werk
ARTIKEL 2026
7/6/2026
Das Gesetz sieht grundsätzlich vor, dass gleiche Arbeit auch gleich bezahlt wird. Tarifverträge ermöglichen jedoch eine Abweichung, sodass niedrigere Einstiegslöhne zulässig sind und die Angleichung stufenweise erfolgt. Diese Angleichung kann sich auf bis zu 15 Monate erstrecken und wird regelmäßig bei 90% des tatsächlichen Entgeltniveaus vergleichbarer Stammarbeitsplätze liegen. Das war auch schon die letzten 15 Jahre rechtlich so geregelt, aber der „Equal Pay“ (gleiche Arbeit = gleiches Geld), ward bei Daimler Truck immer als Standard gesehen, um gute, Qualifizierte Mitarbeiter zu Gewinnen. Diese Zeiten sind nun aber scheinbar vorbei und die ersten bitteren Früchte dieser Personalpolitik zeigen schon ihre ersten Auswirkungen. Der geplante Taktsprung in Wörth von derzeit 302 auf 326 LKW pro Tag, konnte Mangels (Zeit)-Arbeitskräften nicht umgesetzt werden. Die Unternehmensleitung stellt sich unwissend, warum es derzeit so schwer ist, verlässliche, qualifizierte und motivierte Leiharbeitskräfte zu gewinnen. Insgesamt verliert Daimler Truck gerade seine Stellung als beliebter, sozialer Arbeitgeber!
Ein Tarifvertrag bringt in der Regel sowohl Vorteile, als auch Nachteile mit sich.
Im Fall des GVP‑Tarifvertrags fällt es mir jedoch schwer, einen unmittelbaren Vorteil für die betroffenen Leiharbeitnehmer zu erkennen. Zwar schafft der Tarifvertrag verbindliche Mindeststandards und sorgt für eine gewisse rechtliche Absicherung, gleichzeitig ermöglicht er jedoch eine systematische Abweichung vom Equal‑Pay‑Grundsatz.
Daraus ergibt sich ein System, in dem eine vollständige Gleichstellung nicht unmittelbar erfolgt, sondern zeitlich verzögert und zudem tariflich begrenzt ist. (90% des direkt beschäftigten Kollegen) Vor diesem Hintergrund stellt sich für viele Betroffene nachvollziehbar die Frage, worin der konkrete Vorteil dieses Tarifsystems für sie im Arbeitsalltag tatsächlich liegt.
Zu Beginn der 2000er-Jahre war Leiharbeit ein sehr kontrovers diskutiertes Thema innerhalb des Betriebsrats. Ein zentraler Maßstab, hinter dem alle Beteiligten standen, war der Grundsatz Equal Pay. Leiharbeit wurde überwiegend als kurzfristiges Instrument verstanden und nicht als dauerhafte Personalstrategie. Heute ist Leiharbeit fester Bestandteil der Personalstrategie und wird strukturell “zum Atmen der Fabrik” eingeplant.
Über die Jahre kam es immer wieder zu Diskussionen und Klagen innerhalb der Mercedes/Daimler Struktur über Gleichbehandlung, Entgeltdifferenzen und langfristige Einsätze. Diese Konflikte haben zur Anpassung gesetzlicher und tariflicher Regelungen beigetragen, aber die Probleme und die gerechte Umsetzung sind bis heute, nach wie vor ein großes Thema.
Während die Stammbelegschaft häufig in höheren Entgeltgruppen tätig ist, werden Leiharbeitnehmer meist niedriger eingruppiert. In der Praxis werden jedoch häufig vergleichbare Tätigkeiten ausgeführt und auch die Verantwortung gleichermaßen, an die Leiharbeitskräfte, wie auch auf die Stammwerker übertragen.
Die Verantwortung für den Einsatz der Beschäftigten liegt im täglichen Betrieb bei den Führungskräften, insbesondere bei den Meistern. Sie entscheiden über Einsatzbereiche, Aufgaben und Abläufe.
Leiharbeitnehmer müssen entsprechend ihrer Eingruppierung eingesetzt werden. Tätigkeiten und Einstufung müssen übereinstimmen. Nur so können Transparenz, Nachvollziehbarkeit und eine faire Umsetzung der tariflichen Regelungen gewährleistet werden. Wenn ihr Fragen dazu habt, kommt gern auf uns zu.
Neben der rechtlichen Betrachtung stellt sich auch die Frage der Fairness. Gleiche Arbeit bei unterschiedlichen Rahmenbedingungen führen im Alltag zu Diskussionen über Gleichbehandlung und Gerechtigkeit. Hier zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen tariflicher Regelung und erlebter Realität. Ein Blick zu den europäischen Nachbarn zeigt unterschiedliche Modelle. Besonders in Frankreich erhalten Leiharbeitnehmer neben dem normalen Entgelt eine zusätzliche Prämie als Ausgleich für die unsichere Beschäftigung. Andere Länder entwickeln ihre Systeme ebenfalls weiter in Richtung stärkerer Gleichbehandlung. Dies verdeutlicht, dass die Ausgestaltung von Leiharbeit politisch und tariflich gestaltet werden kann...
Die konkrete Umsetzung erfolgt im betrieblichen Alltag durch die Führungskräfte. Insbesondere die Meister tragen Verantwortung für den Einsatz der Beschäftigten und die Zuweisung von Tätigkeiten. An diesem Punkt können auch wir Betriebsräte auf die Führungskräfte einwirken, wenn ihr uns über den falschen Einsatz informiert.
Leiharbeitnehmer müssen entsprechend ihrer Eingruppierung eingesetzt werden. Tätigkeiten und tarifliche Einordnung müssen übereinstimmen. Wer als Helfer eingestellt wird, soll auch nur Helfertätigkeiten zugewiesen bekommen. Nur so bleibt das System nachvollziehbar und transparent. Um eventuelle Auffälligkeiten geltend zu machen, muss jeder betroffene seine Rechte individualrechtlich geltend machen.
Wir beobachten die Entwicklung der Leiharbeit seit über 20 Jahren mit großer Sorge. Die Einführung der Branchenzuschläge wurde zunächst als echte Verbesserung gesehen. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass die Angleichung sehr begrenzt ist. Ansprüche müssen individuell durchgesetzt werden. Wir stehen euch hierbei beratend zur Seite und sind jederzeit ansprechbar.
Scheut euch nicht. Kommt auf uns zu....
Eure Truck Initiative Kassel
Lars Meyer
Leiharbeit im Werk Kassel – Entwicklung, Tarifsystem und betriebliche Praxis
Leiharbeit wurde seit Mitte der 2000er Jahre, schleichend Bestandteil der Personalstruktur im Werk Kassel und wurde in unterschiedlichsten Bereichen erprobt. Heute ist Sie (leider) fester Bestandteil der betrieblichen Realität – sowohl in der Produktion als auch in unterstützenden Bereichen. Ziel dieses Beitrags ist es, die Entwicklung der Leiharbeit, die tariflichen Rahmenbedingungen, sowie die praktische Umsetzung im Betrieb transparent und verständlich darzustellen.
Gesetz vs. Tarif – Wie entsteht die Bezahlung?








